Bernd Langer über den „Revolutionären Antifaschismus“

Bernd Langer ist Maler (Kunst und Kampf), Antifaschist und war ab 1977 in der autonomen Szene unterwegs, sowie damals an militanten Aktionen beteiligt. Momentan tourt er durch einige Städte Deutschlands und hält Vorträge über den „Revolutionären Antifaschismus“. Ich habe eine dieser Veranstaltungen besucht und werde mit Hilfe meiner Notizen etwas darüber berichten. Der Vortrag wurde durch eine parallele Diashow begleitet.

Zum Einstieg erklärte er ein paar Wesensmerkmale der Antifa. Die politische Arbeit unter dem Label „Antifa“ löste die autonome Szene ab und entstand demnach in den 90er Jahren. Sie verbindet wie bei anderen Gruppierungen keine einheitliche Ideologie sowie Organisationsstruktur. Die politischen Vorstellungen beruhen jedoch im Vergleich zu bürgerlichen Antifaschisten auf einer radikalen Weltanschauung, sowie der militanten Ausrichtung ihrer Praxis. Die genaueren Entwicklungen innerhalb der Antifa Szene hat er gegen Ende des Vortrages angesprochen und auch zwischendurch immer wieder die Antifa Positionen erklärt. Dazu wollte er jedoch die Herkunft des Begriffes in einer kleinen Geschichtsstunde ein wenig erläutern.

Anfänge des Antifaschismus

Bevor der Antifaschismus als politische Praxis auftrat, erzählte Bernd Langer zunächst die europäische Revolutionsgeschichte des 20. Jahrhunderts nach. Dies fing 1917 mit der russischen Revolution an. Das war der Zeitpunkt als zum ersten Mal radikale Ideen in die Praxis umgesetzt worden sind. Das, was sich dann zu der Zeit in Russland abspielte, fügte er dem Label „Kommunismus“ hinzu. Dabei kam es noch zu einer kurzen Begriffserklärung, was Kommunismus ist und was demnach Kommunisten zu sein haben. Er betonte dabei jedoch, dass diese kommunistische Bewegung zu der Zeit auch jenseits der Parteien existierte und der Revolution viele Aufstände vorausgingen, welche jedoch allesamt niedergeschlagen wurden.

Nun zu Deutschland: Auch hier gab es Aufstände seitens der Kommunisten und auf der Gegenseite gab es die Freikorpsverbände, welche die Rolle der Konterrevolutionäre spielten und von denen auch später viele zu Faschisten wurden. Zu Beginn waren sie jedoch auch nicht, wie man meinen könnte, für die Monarchie gewesen, sondern für die Demokratie und haben jene eben in diesem Moment verteidigt und dadurch den Kapitalismus gerettet. Dies schaffte unter den Linken damals schon ein gewisses historisches Bild. Hierbei wurde auch das bekannte Wahlplakat der KPD gezeigt mit der Aufschrift „Schluss mit diesem System“, bei dem Hitler mit an den Zylinderhüten erkennbaren Kapitalisten und Militärkreisen an einem runden Tisch sitzt. Dieses historische Bild charakterisiert die Konterrevolution zu einem Vorläufer des Faschismus. Es geht um den Schutz der Demokratie, da kann diese (die Demokratie) eben auch brutal gegen Kommunisten vorgehen, wenn es darum geht den Kapitalismus zu retten. Dieses Ziel ist um so bedeutender, wenn man zeigt, wie Kapitalisten Hitler unterstützen und mit ihm gemeinsame Sache machten, weil der eben mit den Kommunisten kurzen Prozess machen würde (meine Notizen kamen hier evtl. zu kurz, so konnte ich jetzt in Bezug zur Karikatur nur aus eigener Logik dieses historische Bild weiterzeichnen).
Die KPD wollte zu der Zeit (1918-1923, Hitler wurde in der Karikatur etwas vorweg genommen) einen bewaffneten Aufstand wie in Russland, was aber daran scheiterte, dass die KPD 1918 nach ihrer Gründung noch sehr klein und im Aufbau war. Sie hatte später jedoch auch ihre illegalen Apparate wie bspw. die „Proletarische Hunderschaft“. Die KPD wurde zwischenzeitlich auch verboten. Neben der KPD gab es jedoch auch noch die KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands), in welcher sich Anarchosyndikalisten sammelten1. Nachdem Stalin 1923 sein Konzept „Sozialismus in einem Land“ proklamierte, endeten größtenteils die Aufstände in Deutschland.
Die SPD zeigte sich in der Weimarer Republik in Hinsicht auf revolutionäre Bestrebungen nicht als Partner, sondern zunehmend als Gegnerin der KPD. Sie rettete das kapitalistische System statt es zu bekämpfen und sah ihre Hauptfeinde rechts und links. Im Zusammenhang der Unterdrückung der KPD seitens der SPD, entwickelte die KPD ihre „Sozialfaschismusthese“, in der sie die SPD zu ihren Hauptfeinden erklärte. Diese These wird heute immer wieder zum Vorwurf gemacht, da man so ja den antifaschistischen Kampf nicht hätte führen können und man anders Hitler hätte verhindern können2. Dieser Vorwurf sei aber zugleich etwas unberechtigt, da man die Repression seitens der SPD in Betracht ziehen müsste. Die These sei demnach nur aus dieser Situation heraus verständlich. Aus dem „Fehler“ wollte man später jedoch lernen und befürwortete die „Antifaschistische Einheitsfront“. Die ideologische Führung lag jedoch dabei bei der KPD.

Faschismus

Nach Marx würde der Kommunismus den Kapitalismus ablösen. Nach Lenin gab es dazwischen noch den Imperialismus. Beide hätten jedoch nach ihrer Geschichtsdetermination den Faschismus ausgelassen3. Dazu gab es dann später noch eine umfassendere Diskussion.
Der Faschismus und seine Bewegung trat in den meisten europäischen Ländern nach dem 1. Weltkrieg auf. Dabei ist sein Merkmal, dass er sich nur in „kapitalistisch-liberalen“ Staaten breit machte. Das Ziel der Faschisten sei es den Kapitalismus zu schützen. Demnach ist seine ideologische Ausrichtung nationalistisch und antikommunistisch. Die Faschisten selbst sehen sich dabei jedoch als Revolutionäre. Der Faschismus ist militaristisch und kennzeichnet sich an seiner Spitze durch einen Führer. Weitere besondere ideologische Formen des Faschismus ist der Rassismus und Antisemitismus. Diese Ideologien wären jedoch innerhalb verschiedener Faschismen unterschiedlich beurteilt worden. In Deutschland spielte der Rassismus in der Volksgemeinschaft eine besondere Rolle und wurde dabei auch zur offiziellen Weltanschauung, sowie der Antisemitismus, der erstmals zur Staatsdoktrin wurde. In Deutschland wurden diese Ideologien viel mehr gelehrt als in anderen Ländern, in denen sie nicht so eine bedeutende Rolle spielten4.

Unter Historikern wird der Faschismus jedoch unterschiedlich wahrgenommen. So verteten bspw. Leute wie Joachim C. Fest eine personifizierte Faschismusideologie, in der der Faschismus an seinen Führern festgemacht wird und das ganze demnach auch mythologisiert wird. Andere sehen den Faschismus als einen „Betriebsunfall“ des Kapitalismus und dass demnach der Faschismus innerhalb der bürgerlichen Demokratie nicht als Tendenz wahrnehmbar ist, sondern eben in der Geschichte eine Ausnahme ausmache. Des Weiteren gibt es noch die Totalitarismustheorie, in der die Demokratie von jenen totalitaristischen Regimen, wie bspw. Drittes Reich und Sowjetunion, abgegrenzt wird und dadurch die kapitalistische Demokratie auch richtig zu sein scheint. Andere betrachten den Faschismus aus psychologischen Perspektiven.

In Europa machten sich nach dem 1. Weltkrieg in allen Ländern faschistische Bewegungen breit. In Polen wurde während und nach dem Krieg mit der Sowjetunion die kommunistische Parteien unterdrückt und die Bevölkerung war zunehmend nationalistisch. In Italien siegte Mussolini mit seinen Schwarzhemden. Und auch in Portugal, Jugoslawien, Ungarn und Rumänien machte sich der Faschismus breit. Besonders in Rumänien auch spielte der Antisemitismus eine besondere Rolle. Nicht überall kamen jedoch die Faschisten an die Macht. Auch in England und Frankreich gab es eine starke faschistische Bewegung. In Österreich bediente man sich „faschistoider“ Mittel, war aber gegen die Nazis5. Ein Unterschied zwischen Demokratie und Faschismus würde dabei darin liegen, dass für die Demokratie eine Militärdiktatur nur im Notstand ermesslich sei, beim Faschismus sei diese Diktatur jedoch grundlegend.

In Deutschland war die Nazibewegung vom Fronterlebnis beeinflusst und auch der Stahlhelm spielte in dieser Entwicklung eine Rolle. Zwischen Arbeitern, Reichen usw. fand man gemeinsame Interessen.
Die Besonderheit des deutschen Faschismus und seiner Bewegung kennzeichnen sich durch einige Merkmale. Allgemein zeigte sich unter der Bewegung ein „revolutionäres“ Auftreten. Auch damals wurden offenbar schon Symbole der Linken geklaut, so bspw. die rote Fahne, an die noch ein Hakenkreuz angebracht wurde. Die NSDAP als Arbeiterpartei und die „antikapitalistische“ Ausrichtung zeugen auch von Besonderheiten des deutschen Faschismus und nicht zuletzt auch ihrem eliminatorischem Antisemitismus. Die NSDAP war zu Beginn jedoch keine Wahlpartei, sondern versuchte durch einen gescheiterten Putschversuch an die Macht zu kommen. Erst später nachdem sie nach ihrem Verbot wieder erlaubt wurde, entwickelte sie sich zu einer Wahlpartei.
Dazu wurde später die bekannte Karikatur gezeigt, auf der der „Sinn des Hitlergrußes“ „erklärt“ wird. Hitler wurde ja bekanntermaßen in seinem Wahlkampf von Kapitalkreisen unterstützt. Es wurde dazu auch eine These von Georg Orwell genannt, der meinte, dass das kapitalistische System sich ohne Massen zum Faschismus entwickeln würde. Bernd Langer meinte jedoch, dass diese These noch bewiesen werde müsse und stellte sie deshalb eher in Frage.
Die KPD versuchte immer den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus darzustellen. Dabei war die KPD jedoch nicht die einzige Partei, die gegen Faschismus kämpfte. Die Reduzierung der Beteiligten am Widerstand auf die KPD würde zu einer „Verklärung des Widerstands“ führen. Dabei spielte die KPD sicherlich im Widerstand gegen die Faschisten eine größere Rolle als andere Parteien. Dies zeigte sich auch auf der Straße, wo es viele Prügeleien zwischen Kommunisten und Faschisten gab. Diese Militanz spielte allerdings in der Weimarer Republik allgemein eine große Rolle, auch unter den bürgerlich-demokratischen Parteien. Es galt damals, wer die Straßen beherrscht, hat auch in den Parlamenten das Sagen. Dazu im Unterschied erfuhr die KPD, dass auf der Straße die Faschisten härter zuschlugen. Auf einen Faschisten kamen in der Regel 15 erschlagene Kommunisten.

Antifaschismus in Spanien und Zweiter Weltkrieg

Während des Spanischen Bürgerkriegs war der Faschismus in Deutschland bereits am Werk. Viele deutsche Kommunisten gingen deshalb zu dieser Zeit ins Exil und beteiligten sich an Kämpfen in Spanien oder auch in der Sowjetunion und versuchten von dort aus nun den Faschismus zu bekämpfen. Mittlerweile hatte sich das Konzept der Volksfront etabliert und jene hätte auch den Marsch der Faschisten auf Paris verhindert. Die Volksfrontstrategie wurde später dann auch von der Kommunistischen Internationalen befürwortet und angeordnet, welche zuvor noch an der Sozialfaschismusthese festhielt. Somit war die Volksfront auch ein Widerspruch zur alten Praxis der KPD, welche von der Theorie ausging, dass der Kapitalismus und Faschismus wesensgleich sei. Nun aber war der Faschismus etwas besonderes, wodurch sich die ganze Volksfrontstrategie rechtfertigen konnte. In Spanien kämpfte man dann als Kommunist oder Anarchist zusammen mit den Republikanern und verteidigte die Demokratie vor dem Faschismus. Franco wurde zeitgleich von Mussolini und Hitler unterstützt. Von der Komintern wurden auch Kämpfer ausgebildet, die Internationalen Brigaden, welche dann auf der Seite der Spanischen Republik kämpften. Anfangs waren diese erfolgreich, später jedoch erlitten sie nur Niederlagen, das Konzept der Volksfront scheiterte und Franco siegte6.
Der Hitler-Stalin Pakt hat einen großen Bruch in den antifaschistischen Kämpfen ausgelöst und wurde auch als einen Schlag gegen den Antifaschismus aufgefasst. Diese „Versöhnung“ mit Hitler sei total unverständlich gewesen und die heutigen Thesen darüber, dass Stalin nicht vielleicht auch taktisch handelte, um die Zeit zur Aufrüstung nutzen zu können, wies Bernd Langer als ungültig zurück. Er kritisierte zugleich Stalins Säuberungswellen und meinte, Stalin hätte anders handeln müssen. Denn eine Kriegserklärung gegen Polen, wäre zugleich auch eine Kriegserklärung gegen einige andere Länder (Mitglieder des Völkerbundes) gewesen. Deshalb hätte sich Stalin mit Polen verbünden müssen. Den weiteren Kriegsverlauf hätte man jedoch auch nicht einschätzen können, sowie der Tatsache, dass Frankreich sozusagen „überrannt“ worden sei. 1941 folgte dann der Krieg gegen die Sowjetunion usw. Wie der Krieg ausgegangen ist, wissen wir ja alle.

Antifaschismus nach dem Zweiten Weltkrieg

Der Faschismus war besiegt und es entstanden zwei neue Staaten, die BRD und die DDR. Beide Staaten verstanden sich als antifaschistisch.
In der DDR galt der Antifaschismus als Staatsdoktrin und wurde demnach staatlich verordnet. In dem Zusammenhang entstanden viele wissenschaftliche Studien, die sich mit dem Faschismus beschäftigten. Wichtig bei der DDR ist, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Befreiung proklamierte. Dabei begriff sie sich nicht nur vom Faschismus, sondern auch vom Kapitalismus befreit und bezeichnete sich deshalb auch als einen sozialistischen Staat.
Die BRD hingegen begriff sich nicht als befreit7. Der Begriff „Antifaschismus“ wurde hier auch nie im positiven Sinne benutzt.
Nach dem Krieg wurde Deutschland schon recht früh in vier Besatzungszonen unterteilt. Währenddessen gab es Widerstand gegen Demontagen, aber auch gegen die Wiederbewaffnung. Deutschland teilte sich dann später in zwei Frontstaaten auf und in der Konkurrenz waren beide um Restaurationen bemüht. Die Entwicklungen in der BRD nahmen aufgrund ihrer Feindschaft zur DDR antikommunistische Züge an. Deshalb wurde die KPD und FDJ früh verboten. Auch mit der Gründung der Bundeswehr wurde schon früh klar: „Der Feind steht links“. Daraus entsprangen dann auch recht schnell schon wieder Neonaziorganisationen, die eben genau durch diese Feindbilder ihren Nährboden fanden.
Ein wesentlicher Punkt der Nachkriegsgesellschaft sind die gegenüberstehenden Generationen. Die alte Generation, die an Nazideutschland beteiligt gewesen ist und die neu entstehende Generation, die diese Zeit nicht miterlebt hat und ihre Eltern ausfragte, sie für die Nazizeit verantwortlich machte und eben kritisch gegenüber der Nazivergangenheit waren, welche von anderer Seite eben oft verleugnet wurde oder eben unerwähnt blieb. Widerstand gegen die alte Naziorganisation sowie der Aufklärung über die deutschen Verbrechen, machte sich dann erst in den 60ern breit. Durch die APO und vieler K-Gruppen entstand wieder eine politische Bewegung, die sich durch ihre Abgrenzung von ihren Eltern usw. kennzeichnete. Man versuchte durch politische Agitation Anschluss zu finden. Nach kurzer Zeit tauchte auch das Emblem „Antifaschistische Aktion“ wieder auf.

Aber auch die Nazis begannen sich wieder zu organisieren. Dabei kann man zwischen zwei Strömungen unter den Nazis unterscheiden, SRP und NPD. Unter der SRP sammelten sich die so genannten Altnazis, welche wie auch heute noch manche Linke als „ewig gestrige“ bezeichnet wurden. In der SRP war auch der Holocaustleugner Thies Christophersen und Manfred Rögner, der unter anderem auch in der Waffen SS war. Von Mitgliedern der SRP wurden einige Anschläge gegen Asylheime ausgeübt. Die NPD dagegen galt als eine eher konservativere Partei, welche nach außen mehr der CDU ähneln würde. In den 70er Jahren gab es in der Naziszene dann auch internationale Vernetzungen. In der Bundesrepublik wurden einige „Wehrsportgruppen“ gegründet, welche jedoch später aufgrund neonazistischer Aktivitäten verboten wurden. Ein Leitmotiv für solche Verbote war, dass solche Nazivereine dem Image Deutschlands schaden würden. Allgemein hatte in den 80ern der Staat dann jedoch scheinbar keine Zeit mehr sich mit den Nazibanden zu beschäftigen. Dagegen beschäftigte sich der Staatsapparat mehr mit den Linken, da sie für ihn wohl eine größere Bedrohung darstellten, vor allem wegen terroristischer Gruppen wie bspw. der RAF. Ab 1980 machte dann aber auch die Antifaschistische Aktion wieder publik.
Von den Nazis gingen mehrere Anschläge aus, wobei gleichzeitig die Strategie der Rechten es war, Wähler zu finden. Linke Kräfte starteten gleichzeitig Gegenoffensiven wie „Rock gegen Rechts“, worunter sich viele Gruppen und Bands beteiligten. Man bemühte sich auch nicht nur Kulturveranstaltungen zu machen. Die Jahre darauf gab es dabei größere Ausschreitungen zwischen Antifaschisten und der Polizei. Mit der Zeit wurden aber auch die Proteste größer, so dass die NPD Kampagne gebrochen werden konnte.

1979/1980 entstand derzeit die autonome Szene. Sie begriff sich als basisorientiert, wollte nicht wie die kommunistischen Parteien die Arbeiter mobilisieren und lehnten dabei auch den Klassenkampf ab. Sie waren vor allem anarchistisch beeinflusst und waren antiautoritär und lehnten deshalb die Organisierung in Parteien ab. Sie wollten die sofortige Befreiung.
Worum geht es bei der autonomen Antifa? Man stellte den antifaschistischen Kampf mit einem zusammenhängenden Kampf gegen das System dar und man war im Gegensatz zu bürgerlichen Antifaschisten militant. Diese Militanz wurde dann an einiger für den Inhalt irrelevanter Beispiele aufwendig ausgeführt. Der Satz „Wer nichts ist als Antifaschist, ist kein Antifaschist“ war für die autonome Antifa Bewegung von großer Bedeutung. Man lehnte dabei den staatstragenden Antifaschismus ab und bezeichnete den (eigenen) Antifaschismus daher auch als undemokratisch8. Der demokratische Antifaschismus würde nur der Herrschaftssicherung dienen. Das Wesen des Imperialismus galt zugleich als faschistisch. Bernd Langer kritisierte jedoch zu Recht diesen Unfug und verwies darauf, dass wir hier nicht im Faschismus lebten. Der autonome Antifaschismus zweifelte im Bezug auf den 8. Mai an dem Befreiungsbegriff, da dieser ein Mythos sei. Die Unterdrückung des Menschen sei nämlich weiterhin existent. Im Vergleich zu bürgerlichen Antifaschisten lehnte man aufgrund der Ablehnung der demokratischen Herrschaft daher auch jedwede Verbotskampagne ab. Diese seien nämlich gegen jede Militanz ausgerichtet und befürworteten den Rechtsstaat. Man war also gegen Faschismus und Demokratie. Faschisten konnte man dagegen jedoch im Bezug zur Praxis direkt angreifen9.
1987 bahnte sich dann der Untergang der autonomen Bewegung an. Zu der Zeit wurden zwei Polizisten erschossen, was eine Repressionswelle mit sich zog. In Hamburg wurde die Hafenstraße verteidigt, wobei nach dem Erfolg der Verteidigung die politischen Zusammenhänge zusammenbrachen. Zu bemerken war bezüglich der ganzen Repressionswelle, dass der Staat offenbar die ganzen Anschläge nicht hinnahm.
Mittlerweile hatte sich die linkspolitische Szene entradikalisiert und arbeitete im Antinazi Kampf nun auch mit bürgerlichen Leuten zusammen. Früher gab es da eine größere Spaltung zwischen militanten und friedlichen Aktivisten, später marschierten auch DGBler und Autonome miteinander. Davor musste man dabei auf die eigenen Kräfte vertrauen10.

Die Nazis hatten sich parallel immer stärker politisch formiert. So spielte bspw. der Rudolf-Heß Marsch eine große Rolle. Die Linken stellten sich derweil die Frage, wie sie aus ihren vergangenen Problemen lernen könnten. Man entschloss sich dazu Bündnisdemos zu machen. Faschismus sollte zum gesellschaftlichen Thema gemacht werden und man sollte sich dabei verstärkt als politische Bewegung wahrnehmen und öffentlicher (durch Reden halten usw.) auftreten. Man besaß ja bereits gewisse Erfahrungen, was Demoabläufe anbelangte und man kannte auch die Namen und Adressen von Nazis, so dass dies eine gute Basis für die antifaschistische Agitation war. Nur blockierte man jetzt zusammen mit DGB und Grünen die Nazidemos. Man wollte raus aus der Isolation. Die Militanz blieb aber weiterhin Bestandteil linksradikaler Politik. Dabei begriff man unter Militanz jedoch keine stumpfe Gewalt, sondern durchaus auch ein konstruktives Mittel, bspw. der Zerstörung von Kriegerdenkmälern. Aber natürlich richtete sich die Militanz auch gegen Menschen, wobei man sich untereinander vergewisserte, dass dieser Gewalt auch Grenzen gesetzt werden müssten. Man hatte seine Prinzipien, dass bspw. die Tötung eines Menschen nie in Frage kommen würde. (Darauf folgten dann wieder einige Ausführungen, welche ich in meinen Notizen nicht festhalten wollte, da sie ja mich so schon langweilten.)
Mit der Wiedervereinigung dann gab es ein vermehrtes Neonaziaufkommen, wodurch dann Antifaschismus wieder zum wichtigsten Tagesprogramm der Linken wurde. An die Szene richtete sich dann auch ein Transparent „Zusammen gehört uns die Zukunft“, wodurch später dann die AA/BO (Antifaschistische Aktion – Bundesweite Organisation) gegründet wurde. Dadurch „entwickelte“ sich die Antifaszene dann ein wenig weiter. Klar war natürlich, dass man nicht nur gegen Nazis kämpfen werde, sondern auch gegen den „faschistoiden“ Polizeiapparat. Das militante Auftreten war auch wichtig, wobei man nicht damit das Bündnissystem zerstören wollte.
Durch die Kriminalisierung der Antifa (M) bahnte sich danach auch ein Ende der AA/BO an. Der schwarze Block galt nun als kriminell, unter welchem das Demonstrationsrecht nicht berücksichtigt wurde. Bernd Langer machte einen Erfolg durch die alleinige Existenz der AABO aus11. In der AA/BO konnte man nur Mitglied werden, wenn man bereits in einer anderen lokalen Antifa Gruppe tätig war. Dies verlangte auch einen bürokratischen Aufbau, welcher scheiterte, wodurch es dann zum Zusammenbruch der AA/BO kam. Ein praktisches Feld dieser Organisation war unter anderem eine Kampagnenpolitik, welche jährlich durchgeführt wurde.

Antifa heute

Auch heute ist die Antifa noch eine große Bewegung, welche ihren Antifaschismus mit antikapitalistischen Positionen verbindet. Die Nazistrukturen haben sich mittlerweile auch wieder geändert. So erreichen Parteien wie die NPD in einigen Bundesländern nun mehr als 5% der Stimmen.
Zur globalen gesellschaftlichen Zusammenstellung stellte Bernd Langer seine Beobachtung dar, dass der Nationalstaat durch kollektive Zusammenschlüsse wie der EU immer mehr an Bedeutung verliere und dass sich durch die Globalisierung einige andere politische Änderungen breit machen. Des Weiteren begreift er den Faschismus jedoch noch als eine politische Formierung durch den Kapitalismus, wobei man jedoch nicht immer nur die Zeit zwischen 1933 und 1945 im Blick haben darf, sondern auch den Faschismus in den polizeistaatlichen Tendenzen entdecken müsse.
Momentan sieht er keine Notwendigkeit für eine bundesweite Organisation innerhalb der Antifa Szene. Dies begründe sich auch darin, dass man so einen besseren Schutz vor Repression genießen würde. Ein positiver Aspekt des Konzeptes Antifa wäre seine Transformierbarkeit. Der Antifaschismus wäre allgemeiner Konsens und so könnte man seine radikale Kritik immer schnell transformieren, bezogen auf verschiedene Themen wie bspw. Polizeistaat oder G812.

Diskussion

Die Diskussion wurde dann bei dem eigentlich größeren Publikum von etwa 30 bis 40 Leuten nur von 3 bis 4 Leuten geführt.
Als erstes wurde nach dem Verhältnis zwischen Polizeistaat und Faschismus gefragt und ab wann man denn spätestens von Faschismus sprechen könne. Da hat man dann eigentlich keine eindeutige Grenze gefunden, zumindest habe ich allgemein über die Diskussionen mir wenig Notizen gemacht und kann mich gerade auch nicht ganz daran erinnern.
Eine weitere Frage war, was jetzt nach dieser relativ langen Geschichtsstunde eigentlich das wesentliche am „Revolutionären Antifaschismus“ (so hieß der Vortrag) sei und warum es überhaupt nötig sei sich antifaschistisch zu organisieren, wenn man eh begriffen hat, dass Faschismus wie Demokratie abzulehnen ist. Darauf kam eigentlich keine ausreichende Antwort bzw. auf den Kern der Frage wurde nicht eingegangen.
Jemand anderes erwähnte, dass heutzutage imperialistische Kriege ja auch ohne faschistische Staatsführung möglich seien. Dies führte er dann bezogen auf andere Beispiele dann noch aus. Darauf stellte er aber eine zweite Frage, die in diesem Zusammenhang wenig Sinn machte, nämlich, dass ein Zuwachs in der Naziszene zu erkennen ist und wie man demnach zu handeln habe. Unsinn ist die zweite Frage deshalb, weil man ja davor scheinbar wahrgenommen und angesprochen hat, dass auch die Demokratie für den Menschen schädigend genug ist und anscheinend auch so seine Gemeinsamkeiten mit dem Faschismus zu haben scheint. Trotzdem will man weiterhin erst mal auf Nazijagd gehen. Da liegt zwischen Analyse und Praxis dann ein kleiner Widerspruch. Bevor allerdings die Frage beantwortet wurde, fügte ein anderer der ersten Frage hinzu (und erwähnte zugleich den einen Widerspruch), dass es ja jetzt Unsinn wäre, wenn man merkt wie scheiße die Demokratie schon ist, mit der man es auch mehrheitlich zu tun hat, antifaschistisch, also explizit gegen die Faschisten, aktiv zu werden. Dagegen sah man allgemein darin jedoch nicht einen all zu großen Widerspruch.
Des Weiteren wurde die Geschichte mit dem Nationalstaat nochmals aufgegriffen. Man fragte, welche Rolle der Nationalstaat heute noch spielt. Bernd Langer sagte darauf, dass es weiterhin Nationalstaaten geben werde und Nationalismus auch eine große Rolle spiele, jedoch sich die Verhältnisse durch die EU usw. etwas geändert hätten.
Eine andere Frage widmete sich dann wieder dem Antifaschismus. Antifa sei eine Bewegung, die eben schon da ist und deshalb wandelbar wäre. Diese Wandelbarkeit des Antifaschismus wurde jedoch angezweifelt und man setzte darauf wert, dass man sich als Linker mehr antikapitalistisch begreifen sollte. Dazu wurde der Begriff des revolutionären Antifaschismus abgelehnt, da dieser nun mal nicht revolutionär sei, dies würde eine Intervention in soziale Kämpfe einfordern. Deshalb würde man den Begriff des „autonomen Antifaschismus“ eher bevorzugen.
Eine lange Diskussion, welche jedoch irgendwann abgebrochen wurde, drehte sich dann noch um den Determinismus sowie des Etappenmodells, welches Bernd Langer kritisiert hatte. Dabei wurden von den meisten der Wenigen, die sich an der Diskussion beteiligt haben, darauf verwiesen, dass der Faschismus ja kein System wäre, dass mit dem Kapitalismus nichts zu tun hätte und daher diese Etappen keine analytische Kategorien sind. Der Kapitalismus wäre eben nur das ökonomische Verhältnis, wobei es zwei Formen bürgerlicher Herrschaft zu unterscheiden gäbe, nämlich der demokratischen und der faschistischen Herrschaft. Wie es dann um beide Formen bestimmt ist, hängt von der Situation ab.

Fazit

Als kleine Geschichtsstunde war der Vortrag sicherlich interessant. Schade war, dass die Diskussion, welche noch hätte spannend werden dürfen, schon früh abgebrochen wurde. Was aber vielleicht auch an der Länge des Vortrags lag. Da hätte man nämlich die geplanten 1,5 Stunden durch Weglassens irrelevanter Punkte um die Militanzdebatte viel Zeit einsparen können und vielleicht auch mehr zu inhaltlichen Punkten sagen können. Zum Beispiel wäre es interessant gewesen mehr über den revolutionären Antifaschismus zu erfahren, weil ich bspw. keinerlei Vorstellung davon hatte. So hätte man vielleicht auch besser eine Diskussion führen können, in der man das Konzept Antifa kritisieren hätte können.

  1. Nicht nur Anarchosyndikalisten. Die KAPD war ein Sammelbecken für alle, die sich links neben der bolschewistischen Tradition sahen. Also waren hier auch Links- und Rätekommunisten drin. [zurück]
  2. Diese Vermutung ist falsch. Denn bekanntlich hat sich auch die Volksfront als fehlerhaft dargestellt und scheiterte demnach auch. [zurück]
  3. Der Faschismus macht keine bestimmte Epoche aus. Denn nach dem Faschismus hat sich ja auch die Demokratie wieder etabliert. Der Kapitalismus als ökonomisches System blieb in beiden politischen Systemen bestehen. Viel mehr ist hier zwischen zwei unterschiedlichen Varianten bürgerlicher Herrschaft zu unterscheiden, nämlich zwischen Demokratie und Faschismus. Durchsetzen tut sich immer jene Herrschaftsform, die sich der Situation nach für den Kapitalismus am adäquatesten darstellt. [zurück]
  4. Dazu ist jedoch zu sagen, dass auch in der Demokratie Rassismus eine große Rolle spielt. Und unter anderem ist das auch ein Punkt, den sie von den Demokraten beigebracht bekommen, das ganze jedoch nur noch radikalisieren. [zurück]
  5. Hier wäre es vielleicht nahe gelegen die Gemeinsamkeiten von Demokratie und Faschismus zu erörtern und demnach auch die Demokratie zu kritisieren. Durch Charakterisierungen wie „faschistoid“ misslingt dies jedoch in jedem Fall. [zurück]
  6. Hier hätte man vielleicht auch einige kritische Sachen zu der ganzen Volksfrontgeschichte sagen können. Warum das ganze schief lief und was die Fehler waren, erklärt Gilles Dauvé in seinem Text „Wenn die Aufstände sterben“ [zurück]
  7. Hierzu vielleicht die Worte von Theodor Heuß: „Wir waren befreit und vernichtet in einem“, Richard von Weizsäcker betonte später dann die Befreiung. [zurück]
  8. Hier hätte man vielleicht auf die Idee kommen können, wenn sich alle als Antifaschisten begreifen, dass hinter diesem Begriff irgendein Fehler stecken muss. So hätte man darauf kommen können, dass Antifaschismus eine demokratische Ideologie ist und demnach nur die Absicht haben kann die demokratische Herrschaft von seinen braunen Flecken zu reinigen. Durch Begriffe wie Antifaschismus wird eben etwas unklar, was man überhaupt will. Und heute sieht man, dass Antifaschismus heißt, dass man Demokratie erst mal besser findet als Faschismus, diese also verteidigt werden müsse, und man erst zu einem späteren Zeitpunkt für den Kommunismus kämpfen könne. [zurück]
  9. Das wäre dann wohl der Punkt, in dem klar wird, dass wohl innerhalb der autonomen Antifa nur der Antifaschismus, nicht der Antikapitalismus, praktikabel erscheint. [zurück]
  10. Und ganz plötzlich nimmt auch die Praxis ihrem Inhalt nach auch ganz andere Formen an. Jetzt war nämlich offensichtlich, dass der Faschismus der Hauptfeind ist. Das ändert nichts daran, ob man die Demokratie nebenbei (!) nicht auch kritisiert. [zurück]
  11. Die Existenz von irgendetwas ist doch noch lange kein Argument und erst recht kein Erfolgsversprechen. [zurück]
  12. Das ist sicherlich kein Vorteil durch den Antifaschismus, vor allem, wenn man seine Probleme völlig auslässt. Zum Beispiel der Fakt, dass eine Linke sich nicht durch ihren Antikapitalismus kennzeichnet, sondern durch ihren Antifaschismus, da dieser der breiteste Konsens sei. Dies ist eigentlich eher ein Armutszeugnis der Linken, wenn das das einzige Thema ist, auf das man sich vereinbaren könnte, in Anbetracht dessen, dass eben dieses Thema noch keinen Linken ausmacht. [zurück]

1 Antwort auf “Bernd Langer über den „Revolutionären Antifaschismus“”


  1. 1 Jan 16. Juni 2008 um 14:01 Uhr

    Sehr interessante Zusammenfassung. Besonders der Abschnitt über die Weimarer Zeit.

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