Wie lässt sich der „primitive Kapitalismus“ zähmen?

Ein bisschen Kapitalismuskritik zur Osterzeit, vorgeführt vom Bischof Marx (aus einem Interview mit der „Welt“ vom 9.4.09):

Sie sind Sozialethiker, Sie haben die Geldgier als Ursache der Bankenkrise ausgemacht und eine Ordnungspolitik für die Weltwirtschaft gefordert. Sehen Sie Anzeichen einer Umkehr?

Ich nehme an, dass ein platter, primitiver Kapitalismus, vor dem ich schon seit den 1990er-Jahren warne, für einige Zeit aus der öffentlichen Debatte verschwinden wird. Es wird nicht mehr so leicht möglich sein, wie es vor Jahren geschah, einen Leitartikel mit „Lob der Gier“ zu betiteln. Ob wir allerdings schon zu ordnungspolitischen Rahmenbedingungen auf Weltebene kommen, vermag ich noch nicht zu sagen. Aber ich glaube, die Voraussetzungen für einen wirklichen Sinneswandel sind gut, weil der Schock tief sitzt, weil man noch nicht weiß, wie tief die Krise geht. Der G-20-Gipfel hat das auch gezeigt.

Da wo die „Gier“ den Kapitalismus – eigentlich was tolles, solange er nicht „primitiv“ ist – in die Krise treibt, stellt sich eben mal wieder erneut die Frage, wie sich dieser Kapitalismus zähmen lässt, damit er nachhaltig bleibt.

Warum konnte sich der „primitive Kapitalismus“ ausbreiten?

Das hat auch etwas zu tun mit dem Wegfall der Alternative „sozialistische Planwirtschaft“ nach der Wende 1989/90 und der nachlassenden Wertschätzung für das, was man Soziale Marktwirtschaft oder „Rheinischen Kapitalismus“ genannt hat. Diese auf Konsens, auf Solidarität und Nachhaltigkeit orientierte Form des Wirtschaftens wurde als etwas Gestriges, auf die Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit Bezogenes denunziert. Dabei war das ein erfolgreiches Modell.

Ein erfolgreiches Modell! Hat es doch das geleistet, was es leisten sollte. Der Kapitalismus musste seine Nachhaltigkeit hart erkämpfen. Da gab es Leute, die wollten eine Alternative zum Kapitalismus aufbauen, weil dieser den Menschen schlechtes antut. Diese Systemkonkurrenz nahmen beide Blöcke bewusst auf. Der Kapitalismus verstand, dass es dabei vor allem darum gehen muss, für Wohlstand zu sorgen, welchen nebenbei irgendein Gesindel erst noch produzieren musste ohne viel davon zu haben. Und dabei brauchte der Kapitalismus auch irgendwie ein menschliches Anlitz. Das gelang vor allem dadurch, dass man dem Sozialismus ein unmenschliches Anlitz produzierte. Jetzt aber wo es gar keine Alternative mehr zum Kapitalismus gibt, ist dieser „Rheinische Kapitalismus“ sicher nicht bloß ideologisch von gestern, sondern hat seine Aufgabe erfüllt. Der Kapitalismus hat sein Recht auf Nachhaltigkeit erkämpft.
Da muss der Bischof Marx erst mal wieder eine Alternative zum Kapitalismus schaffen, damit sein eigentliches Favoriten-System nicht so primitiv ausartet!

Man muss dafür sorgen, dass das „Allgemeinwohl im Blick“ bleibt. Allerdings nur im Blick. Der Kapitalismus muss weiterhin nachhaltig sein. Und dabei ist noch die „katholische Kirche […] die einzige globale Institution, die einzige weltweite Religionsgemeinschaft, die mit ihrer Soziallehre eine reflektierte ethische Theorie von Wirtschaft und Gesellschaft vorlegt“. Sie selbst will keine Politik machen, sondern „Politik möglich machen“. Das geht nur mit einem „gezähmten“ Kapitalismus, der auf seine Nachhaltigkeit achtet und dabei die Geschöpfe Gottes nicht einfach sterben lässt, sondern sie nutzt. Kurz: Es möglich macht, dass der Kapitalismus dank Menschenmaterial nachhaltig bleibt.


1 Antwort auf “Wie lässt sich der „primitive Kapitalismus“ zähmen?”


  1. 1 Kaan Mutver 15. Februar 2012 um 18:38 Uhr

    Mein Ideal: Nationaler Kapitalismus, gezähmte Globalisierung, Protektionismus, Dirigismus, Etatismus, Staatskapitalismus mit privatkapitalistischer Basis, forcierte Einwanderung von qualifizierten Ausländern, Standortpatriotismus, Antiimperialismus, Sozialdemokratie und Linksliberalismus.

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