Lehrer haben nicht nur einen Bildungsauftrag

Der Fall Sabine Czerny: Strafversetzt wegen guter Noten

Die Schulbehörden und Schulleiter lassen keinen Zweifel daran, dass die Lehrer nicht nur einen Bildungsauftrag haben – sie haben auch einen Sortierauftrag.

Auch bei Ihnen muss es Fünfer und Sechser geben“, wies sie ein Schulbeamter an.

Sie wurde wegen der zu guten Noten strafversetzt an eine Grundschule, in der sie eine erste Klasse unterrichtet, bei der sie die Schüler noch nicht benoten muss.

Parallel hat sie nun von der bayerischen Pfarrbruderschaft „wegen ihres Engagements für humane Schule“ einen Preis für Zivil-Courage bekommen, den sie laut bayerischer Kultusbehörde formell hätte gar nicht entgegennehmen dürfen. Von ihrer neuen Schulleitung wurde sie gut beurteilt. Dabei wäre ihr wohl aber ein „Formfehler“ unterlaufen und hätte nicht „alle Erkenntnisse über Frau Czerny […] einbezogen“, eben die Gründe, warum sie strafversetzt wurde. Diese Beurteilung wurde auf Weisung der Regierung von Oberbayern zurückgezogen.

Da sie aber jetzt nur eine erste Klasse unterrichtet, sind alle glücklich, weil sie hier noch keine Noten zu verteilen hat. Das klingt alles sehr geheuchelt. Warum berichtet der Spiegel über so etwas? Er empört sich in einer gewissen Weise über das, was dieser Frau geschah. Lobt eine Lehrerin für ihr Engagement und zaubert ein paar Realitäten über das Bildungssystem heraus. So gehört es sich für ein intelektuelles Blatt: Immer ein bisschen kritisch und die Welt wäre auch in Ordnung gewesen, wenn es bei der guten Beurteilung über Frau Czerny geblieben wäre, wenn nicht die Weisung der Regierung von Oberbayern gewesen wäre. So kritisch kann das nicht sein, wenn sich der Spiegel nämlich wirklich nur mit dem Schicksal der Lehrerin befasst, statt mal das angeklungene kritische Urteil über die Schule ernst zu nehmen. Soll denn das Engagement der Lehrerin dahin gedeutet werden, dass mit der Selektionsscheiße der Schule Schluss sein soll? Sicherlich nicht. So ist der Artikel nicht zu verstehen, dass die Kritik an der Schule zu einem praktischen Übergang zu verstehen wäre. Also dass man an dem Zweck der Schule etwas ändert. Positiv angerechnet wird nur die Zivilcourage dieser Lehrerin, die sich auch mit ihrer Strafversetzung zufrieden geben müsste. Ohne die Änderung des Urteils über sie, wäre die Welt ja auch in Ordnung mitsamt des ganzen sonstigen Selektionszwecks der Schule.

Bei der ganzen Geschichte könnte man nämlich folgendes lernen: Bildung kann nicht der wahre Zweck der Schule sein, wenn Leistungsdifferenzen schon bezweckt sind, so dass Material für den Sortierungsauftrag vorliegt. Diese Leistungsunterschiede kommen nicht von unterschiedlichen Begabungen, wie es einige Erziehungswissenschaftler behaupten, die Schule stellt diese Unterschiede selbst her. Wenn Bildung der wahre und einzige Zweck der Schule wäre, dann würde Mangel an Wissen der Anlass dazu sein den Schülern das beizubringen, was sie noch nicht verstanden haben. Noten sind nicht dazu da Leistungsdifferenzen festzustellen und den Gegensatz zwischen guten und schlechten Schülern zu beseitigen, Noten dienen allein dazu Leistungsdifferenzen festzuhalten – für den „Sortierauftrag“.

An dem nützlichen Zweck dieser bürgerlichen Lehranstalten für die fertige Arbeitswelt etwas zu ändern oder grundlegend zu kritisieren, käme dem Spiegel sicherlich nicht in den Sinn.

Weiteres über Frau Czerny auch in der taz vom 30.07.08.

Verkehrt sind übrigens auch all die Schulstreiker, die Selektion und Ausschluss von Bildung für einen Verstoß gegen das Menschenrecht auf Bildung halten oder von einer Krise des Bildungssystems reden, dabei aber völlig den Zweck der bürgerlichen Lehranstalten übersehen.

PS: Einen interessanten Text zum „Lernen unter dem Diktat der Note“ gibt es hier.


6 Antworten auf “Lehrer haben nicht nur einen Bildungsauftrag”


  1. 1 Seltn 05. Juni 2009 um 13:40 Uhr

    Kurz und gut, wirst du auch noch speziell was zu den Schulstreikern schreiben?

  2. 2 Administrator 05. Juni 2009 um 14:10 Uhr

    Vllt. nächste Woche.

  3. 3 Tobi 07. Juni 2009 um 0:32 Uhr

    Bildungsstreik 2009: Wie aus einem Bildungsstreik ein Einsatz für veredelte Konkurrenz in der Schule wird

  4. 4 Administrator 08. Juni 2009 um 2:22 Uhr

    Ich habe meinen Beitrag oben noch ein mal überarbeitet. Ich hatte mich in dem Spiegel-Artikel etwas verlesen und auch in dem Sinne erweitert, dass ich den Spiegel-Artikel selbst einer Kritik unterzogen habe.

  1. 1 MPunkt Trackback am 05. Juni 2009 um 22:00 Uhr
  2. 2 Jour Fixe, 09.06.09: Bildung und Wissenschaft im Kapitalismus, Teil 2 « Gruppe „Versus“ Tübingen Pingback am 08. Juni 2009 um 13:04 Uhr
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