Zum Bildungsstreik 2009

Heute haben laut der Veranstalter des „Bildungsstreiks“ bundesweit 240000 Schüler und Studenten demonstriert. Wofür? Eine Schule für alle, kostenlose Bildung, Schule ohne Leistungsdruck und für Gesamtschulen. Gefordert wurde auch eine „Demokratisierung der Schule“, bei der verlangt wird, dass auch Schüler mitbestimmen dürfen und nicht so strenge Hierarchien gelten. Für diese Ziele schafft man es haufenweise Leute zu mobilisieren. Mir geht es jetzt nicht wie den meisten Demonstranten darum, erst mal die große Beteiligung zu begrüßen, sondern darum sich mal genauer anzuschauen, was1 da gefordert wird und wofür das gut sein soll. Es wird dabei darauf hinaus laufen, dass diese Schule etwas anders funktioniert und einen ganz anderen Zweck hat als es sich die Meisten denken. Dabei ist es schade, dass selten die Frage aufkommt, warum denn die Schule gerade so ist. In einigen Diskussionen mit Leuten, die diesen Bildungsstreik nicht unterstützen wollten, wurde auch oft gesagt, dass diese Forderungen ja gar nicht realisierbar wären. Nicht ganz zu Unrecht.

Was hat es also mit dieser Schule auf sich? Ein paar sachdienliche Hinweise:


Die Schule sorgt für den anständigen Nachwuchs der Nation

Eine Schule für’s Leben und nicht für die Wirtschaft wurde unter anderem auch gefordert. Genau das ist die Schule: Sie bereitet die Schüler auf ihr zukünftiges Leben vor, wohlgemerkt auf das Leben in dieser Gesellschaft. Die Schule sorgt dabei für den anständigen Nachwuchs der Nation. In Karlsruhe rief ein Demonstrant auf dem Lauti-Wagen, die Schule solle uns doch zu demokratischen Staatsbürgern erziehen, aber was macht sie denn stattdessen? Genau das. Sie kümmert sich darum, dass die Schüler lernen, dass die Marktwirtschaft „die Beste aller Welten ist“, dass das kapitalistische Geldsystem notwendig und unverzichtbar ist – das doch übrigens gerade auch Studenten nervt, wenn sie sich die Studiengebühren nicht leisten können – und dass der Parlamentarismus und sonst alles Mögliche, was mit unserer Demokratie zu tun hat, einfach nicht zu kritisieren, sondern zu loben ist. Kritisieren kann man nur, wenn man Verbesserungsvorschläge macht und das haben die Demonstranten schon mal gut gelernt. Es muss dabei auch nicht verwundern, dass man in der Schule nicht die Wahrheit über den Staat, die Schule und die Wirtschaft erfährt. Man lernt nur, dass das alles ganz gute Mittel für das gesellschaftliche Leben eines jeden Einzelnen sind. Und richtig gut ist das deshalb, weil alles andere ja schlecht ist. Da reicht der Verweis auf früher oder das Bild von verhungernden Menschen in anderen Ländern.
Neben diesem ideologischen hat die Schule noch einen weiteren ungemütlichen Auftrag: Sie entscheidet über die Zukunft der Kinder. Mittels Noten werden diese selektiert und somit von höherer Bildung und damit dem Zugang zu den „angenehmeren“ Berufen ausgeschlossen! Die Schüler sind die zukünftige Ressource der Wirtschaft, in der die Meisten für die unteren und schlecht bezahlten Jobs vorgesehen sind, währenddessen nur wenige als Führungskräfte mit höherem Einkommen einen Platz finden sollen. Die Schule ist die Vorstufe um die Konkurrenz der beruflichen Lohnhierarchien – der Scheidung zwischen Elite und dem „Rest“.

Die Berufsklassen

Warum es die Trennung zwischen Elite und „einfachen“ Arbeitern gibt, brauch in der Schule nicht zu interessieren. Zwar wird sich in der Medienlandschaft durchaus darüber beschwert, dass Manager oder Unternehmer zu viel verdienen. Dass sie aber mehr verdienen sollen als andere, steht nicht in der Kritik. Auch wird die Frage nicht aufgeworfen, warum sie so viel verdienen. Also: Warum verdient eine Krankenschwester oder ein Fabrikarbeiter, dafür, dass sie eigentlich doch gerade für die Notwendigkeiten des täglichen Lebens sorgen, so wenig im Gegensatz zur Elite? Ganz einfach: Da geht es um’s Geschäfte machen, um die Steigerung von Gewinnen, der Vermehrung von Kapital. Es ist offensichtlich, dass Profite nur gehen, wenn die Löhne der Angestellten niedrig gehalten werden. Sie gelten immer als Kost und sind die niedrigzuhaltende Größe jeden Betriebszwecks. Um das zu organisieren, brauch es Führungspersonal, die genau auf diese Dinge immer ein Auge werfen und darauf aufpassen, dass die Angestellten ihre Arbeit richtig machen. Dafür wird man besonders gut entlohnt. Genau das Gleiche gilt für Richter, Professoren usw. Sie alle haben wichtige Funktionen in dieser Gesellschaft, währenddessen der große Rest bloß die Manövriermasse für fremde Zwecke ist!

Lernen, Leistungskonkurrenz und die Sache mit der Selektion

Jeder weiß, dass es in der Schule darauf ankommt gute Noten zu bekommen. Man lernt bloß, damit man bessere Chancen auf einen Beruf mit höherem Einkommen hat. Es ist dabei jedoch nicht so, dass jeder es schaffen könnte in die Elite aufzusteigen. Eine Chance ist nie gleichzusetzen mit einer Garantie auf ein gutes Leben. Die Konkurrenz um diese Berufe verrät, dass es in dieser Gesellschaft schon vorgesehen ist, dass es Gewinner und Verlierer zu geben hat. Wer meint, dass es doch jeder selbst in der Hand hätte später mal was zu werden, liegt weit daneben. Die Schule unterwirft nämlich die Schüler einer Leistungskonkurrenz, die an ihnen veranstaltet wird! Wer sich auf diese nicht einlässt, hat natürlich später schlechte Chancen, aber nur wer sich gut anstrengt, hat es dabei auch nicht im Griff in der Schule oder danach erfolgreich zu sein. Die Schule stellt die Leistungsunterschiede an den Schülern selbst her. Die Leistungen werden der „Gaußschen Normalverteilung“ angepasst, d.h. es ist vorgesehen, dass es gute sowie schlechte Noten zu geben hat. Wer in der Leistungskonkurrenz also schlecht abschneidet, ist dabei nicht unbedingt selbst daran schuld. Die Schule verlangt von den Lehrern, dass es auch schlechte Schüler geben muss. Denn genau die – wen der Schüler es trifft, ist dabei egal – sollen der Selektion zum Opfer fallen und auf der Hauptschule landen, also von höherer Bildung, die für die zukünftige Elite vorgesehen ist, ausgeschlossen werden.
Hiermit ist die Schule eine eindeutige Bildungsbremse – und um Bildung sollte es doch eigentlich gehen? Offensichtlich nicht. Die Schule hat ihren klaren Zweck in der Selektion. Bildung soll schon sein, aber nicht für alle in gleichermaßen. Es ist also kein Fehler des Bildungswesens, wenn andauernd Schüler auf der Strecke bleiben, sondern das gehört einfach dazu!
Leistungsorientiertes Lernen gibt es also nicht, weil alle möglichst viel lernen sollen, sondern dass dabei zwangsmäßig Leistungsunterschiede zustande kommen. Ein vernünftiges Bildungswesen sollte aber doch den Zweck haben den Schülern gerade viel beizubringen und nicht, dass die Note 5 bspw. für Schulverlierer steht, sondern dass man da die Bildung noch mal richtig ansetzen sollte. Hier aber dienen schlechte Noten nicht der Aufhebung fehlenden Wissens, sondern als Material für die vorgesehene Selektion!

Warum aber gerade diese Schule zu unserer Gesellschaft passt

Wenn jetzt Schüler ein „gerechteres“ Bildungssystem fordern, nach mehr Chancengleichheit rufen und die Einführung von Gesamtschulen verlangen, dann übersehen sie den Zweck, für den die Schule vorgesehen ist. Neben dem Bildungsauftrag haben Lehrer nämlich einen eindeutigen Sortierauftrag. Dieser ist nicht einfach eine Ungerechtigkeit im Schulsystem, auf ihn kommt es gerade an. So sollen nämlich alle Schüler ihren Platz in der Lohnhierarchie der Klassengesellschaft finden. Eine Gesamtschule würde daran nichts ändern, nur dass eben die Konkurrenz auf eine andere Weise stattfinden würde. Der Staat hat nämlich ganz bewusst die Schulen so eingerichtet, wie er sie haben will. Sie sollen ihren Dienst vollbringen, den Nachwuchs der Nation herzustellen. Der Staat setzt gerade zu darauf, dass in den Schulen Gewinner und Verlierer entstehen. Dazu soll das Schulvolk nach dem Schulabgang zu mündigen Staatsbürgern erzogen worden sein, das sich den Ansprüchen von Staat und Kapital freiwillig unterwirft und nichts zu meckern hat. Eine große Masse der Schulabgänger soll sich später mit irgendwelchen Billigjobs zufrieden geben, die Klappe halten und ja nicht an Lohnforderungen oder sonstiges denken, währenddessen die wenigen Schulabgänger Zugang zu den Elitejobs bekommen und den Standort Deutschland auf Vordermann zu bringen haben. Wer dabei seine eigenen Interessen als Lohnarbeiter, Arbeitsloser oder sonstiges notwendiges Opfer dieser Wirtschaftsweise den nationalen Interessen unterordnet und sich Gesellschaft nicht anders als die Marktwirtschaft – die „beste aller Welten“, wie man ja gelernt hat – vorstellen kann, ist der beste Beweis, wie dumm dieses Bildungswesen macht. Es wird wohl so sein, dass die Gesellschaft hier etwas anders funktioniert als es sich die Meisten vorstellen oder auch in der Schule beigebracht bekommen. Es reicht nicht, wenn bloß die Schule kritisiert wird, gemessen an einem Ideal, was man von ihr hat, wie sie auszusehen hätte, sondern man muss begreifen, dass so eine Schule dem Kapitalismus gerade entspricht und deshalb so scheiße ist! Wer also wirklich eine Schule ohne Selektion und der damit verbundenen Leistungskonkurrenz will, der muss auch die kapitalistische Wirtschaftsweise abschaffen, zu der diese Schule gehört!

Ein paar ernste Fragen an alle Demonstranten für ein „besseres“ Bildungssystem

Wenn also der wahre Zweck dieser Schule der Wissenserwerb gar nicht ist und dafür auch gar nicht vorgesehen ist, fordert man dann vom Staat „Bildung für alle“? Wenn zu dem auch noch die Bildung falsche Inhalte vermittelt, wie man sich dieser Ordnung freiwillig unterzuordnen hat, will man dann so einen Scheiß lernen? Wenn man kostenlose Bildung für alle fordert, weil alles andere an den dünnen Geldbeutel erinnert, ist es dann okay, dass man trotzdem so wenig Geld hat? Wenn sowas von Arsch klar ist, dass der Zweck dieser ganzen Schule die Selektion ist, die allein dafür da ist, dass jeder seinen Platz in der Lohnhierarchie „findet“, fordert man dann „Weg mit dem dreigliedrigen Schulsystem“? Fordert man dann Gesamtschulen? Ändert es wirklich etwas, wenn auf einem Lauti-Wagen eine Frau von der GEW fordert, dass Selektion nicht zu früh stattfinden soll? Macht es das alles wirklich besser? Soll man sich wirklich für so ein Schulsystem einsetzen und danach, wenn jeder sich in der Klassengesellschaft zurecht gefunden hat, ist alles okay? Ist es denn nicht so, dass die Schule ihren klaren Auftrag für diese Gesellschaft hat? Soll man diese Schule wirklich für einen Fehler im System halten und es bedauern, dass eine Frau Schavan wenig Verständnis für diese Proteste hat und sie dabei noch zur Toleranz aufruft? Ist es richtig, wie einer auf einem Plakat stehen hatte, zu demonstrieren, um sich bei den Politikern zu beschweren und damit doch gerade den Staat meint, dass er doch gefälligst im Interesse seiner wilden Jugend regieren soll? Ist es nicht eine Dummheit, wenn man enttäuscht ist, dass die Politiker ganz andere Sachen machen und Banken retten oder das kapitalistische System retten, wie es im Karlsruher Aufruf heißt, statt Geld in die Bildung zu stecken? Sollte man sich an der Stelle nicht einfach mal fragen, was es eigentlich mit dieser Schule und diesem System auf sich hat? Warum empört man sich, wenn die Wirtschaft zu sehr in der Schule eingreift, aber sich nach der Schule komplett den Interessen der Wirtschaft unterwirft? Was ist denn, wenn es sich eben doch alles bloß um das Wohl der Wirtschaft dreht und Privatinteressen da nichts zu melden haben? Macht man dann Revolution oder macht man dann Bildungsstreik? Wenn die Schule wegen dem Kapitalismus also so scheiße ist, dann muss der Kapitalismus weg oder man führt eben einen Kampf um veredelte Konkurrenz in der Schule!

Die Beantwortung der Fragen werden nicht benotet, man sollte sich übrigens nicht in Zeitdruck bringen lassen. Denkt besser darüber nach!

Zum Nachschlagen

Bildungsstreik 2009: Wie aus einem Bildungsstreik ein Einsatz für veredelte Konkurrenz in der Schule wird Und dort im Anhang (PDF) der Flyer (Argumente gegen Schule und Hochschule)

Von Freerk Huisken: Zum Bildungsstreik 2009: Wieso?Weshalb?Warum? Macht die Schule dumm? (Thesen zu einer Podiumsveranstaltung in Berlin mit gleichem Titel)
Siehe auch das Buch von Freerk Huisken: Erziehung im Kapitalismus

Und ansonsten gerade zur rechten Zeit erschienene Seite: Argumente zur Schule – Kritische Gedanken zur Schule und ihrem Stoff

  1. Dazu gibt es in den kommenden Tagen in weiteren Beiträgen ein paar Nachträge. Hier geht es erst mal allgemein darum, sachliches zum Bildungswesen zu sagen und anzudeuten wie schlecht die Forderungen passen. [zurück]

15 Antworten auf “Zum Bildungsstreik 2009”


  1. 1 Administrator 17. Juni 2009 um 22:44 Uhr

    Hier gibt es zum Thema Bildungsstreik noch ein Interview mit Freerk Huisken.

  2. 2 Administrator 18. Juni 2009 um 2:34 Uhr

    Und hier ein Flugblatt vom GegenStandpunkt aus Stuttgart.

  3. 3 Neoprene 18. Juni 2009 um 8:41 Uhr
  4. 4 Wayne 18. Juni 2009 um 10:59 Uhr

    Denkst Du denn ernsthaft man könnte die Leute schon heute für eine Abschaffung des Kapitalismus begeistern? Die meisten, die den Bildungsstreik abgelehnt haben sprachen von utopischen Zielen eben weil sie sich fragten, wo denn das Geld herkommen würde. Man könnte als Schüler/Student ja nicht erwarten seine (Aus)Bildung vom Staat finanziert zu bekommen. Man muss eben einen Schritt nach dem anderen gehen. Auch wenn die Bildung natürlich Kapitalismus lehrt, wie sollte es auch anders sein in eben jenem System. Dennoch ist auch diese Bildung auch teilweise Grundlage für eigenes Denken. Oder wärst Du ohne dieses Schulsystem heute fähig Kritik (die ich ja nicht grundsätzlich falsch finde) in dieser Art äußern?

  5. 5 Administrator 18. Juni 2009 um 11:48 Uhr

    1. Was soll denn das Hindernis sein, weswegen sich Leute heute nicht für die Abschaffung des Kapitalismus begeistern könnten? Du unterstellst somit ja auch mehr oder weniger, dass du auch gerne den Kapitalismus abschaffen würdest und meine Kritik grundsätzlich nicht falsch findest. Wenn dem so ist, dass meine Kritik zutrifft, dann sollten doch alle Demonstranten, die wohl unzufrieden sind mit diesem Bildungssystem, sich ein paar Gedanken dazu machen, wenn sie das lesen, was ich schreibe. Da wird nämlich kurz und zusammenfassend erklärt, warum die Schule hier eben so ist, also worin das seinen Grund hat. Die Schule hat einfach diese unschönen Zwecke, die ich hier beschrieben habe. Zumindest die Schule im Kapitalismus. Aus meiner Kritik lässt sich ja auch herauslesen, wie Schule vllt. stattdessen auszusehen hätte.

    2. Die Frage ist nicht, ob die Schüler sich für Kapitalismuskritik begeistern lassen würden, sondern ob sie einsehen wollen, dass eben gerade der Kapitalismus die Ursache ihrer Unzufriedenheit ist. Wenn die Leute zufrieden wären, dann würden nicht 240.000 Menschen auf die Straße rennen. Und ich finde es keineswegs falsch gegen dieses Bildungssystem zu demonstrieren, gegen den Leistungsdruck etc. Es kommt aber eben darauf an, was der Inhalt der Kritik ist und was gefordert wird. Dazu habe ich etwas geschrieben. Und verkehrt finde ich es auch, wenn da „Antikapitalisten“ auf die Demos hingehen und bloß hinzuhängen: „One Solution – Revolution“. Interessant ist doch, warum genau das die Lösung sein sollte. Da ist es besser, wenn man wie ich ein bisschen auf die Zusammenhänge Kapitalismus und Selektion in der Schule hinweist. Also was da eigtl. abgeht. Und dann kann man die Leute fragen, ob sie es richtig finden für eben jene Forderungen auf die Straße zu gehen. Ob das denn gut zusammenpasst oder ob sie nicht meinen, dass es nicht wohl etwas anderes bräuchte. Da müssen aber dann auch ein paar Argumente fallen und nicht bloß Parolen. Genau so blöd ist es, wenn – ich glaube es war die Frankfurter Jugendantifa – sich solche Linke cool fühlen, wenn sie ein Flugblatt verteilen, in dem schon ganz oben steht: „Aufstand der Arschlöcher“. Da schreiben die einfach nur hin, dass die Demonstranten einfach nichts geblickt haben. Oder ein anderer meinte auch zu mir: „An der Schule gibt es nichts zu erklären, entweder man versteht, was es mit der Scheiße auf sich hat, oder eben nicht“ oder so ähnlich. Da gebe ich mir im Gegensatz die Mühe den Leuten auch mal was erklären zu wollen. Zugegeben, der letzte Teil meines Beitrags oben klingt sehr hart, aber er soll auch zum Denken anregen. Und das sind Fragen, die einem aufkommen sollten, wenn man auch das davor gelesen hat.

    3. Wo das Geld herkommen soll? Ja, die Leute, die das fragen, sind realistisch. Die wissen, dass sich die Forderungen schwer mit der Bildungspolitik und den Staatsfinanzen vertragen. Die Bildungsprotestler sind eben zum Teil ernsthaft der Auffassung, dass der Staat sich doch besser um seine zukünftige Ressource kümmern müsste. Dass es doch wohl in seinem Anliegen sein müsste, mehr für die Bildung zu tun. Da unterstellen die dem Staat einfach gute Zwecke, sind aber enttäuscht, wenn er den Interessen der anderen nicht nachkommt. Da ist die Frage schon richtig: Wo lebt ihr eigentlich? Ich würde damit nicht meinen: Begreift, dass eure Forderungen den Staat nicht jucken und unterwirft euch ihm, sondern schaut euch mal an, was das für eine Drecks-Gesellschaft ist und meint ihr nicht, dass der Staat genau so viel Feindschaft verdient, wie das Bildungssystem gegen das ihr demonstriert? Darüber können die Leute nachdenken und dann wäre es gut für sie, wenn sie den richtigen Schluss daraus ziehen. Nicht dass sie sagen, „Na gut, dann passen meine Interessen dem Staat eben nicht“, sondern ich frage mich mal, warum meine Interessen nichts gelten oder immer in Schranken verwiesen werden. Wenn sie der Frage nachgehen, dann könnte man sich bei korrekter Antwort der Fragen auch für Kapitalismuskritik begeistern lassen.

    4. Zu dem Punkt, ob die Schule nicht auch Grundlage dafür wäre, dass ich fähig bin all das zu kritisieren, schreibt Freerk Huisken in dem Interview, das im ersten Kommentar verlinkt ist:

    Ich will ja gar nicht behaupten, dass sich alles, was Schüler lernen, auf solche Dummheit reduziert. Ich will sagen, dass die ein ganz zentrales und leider viel zu gut angeeignetes Element des nationalen Curriculums ist, auf das von den Machern der Bildungspolitik großer Wert gelegt wird. Daneben lernen Kinder z.B. lesen und schreiben. Das kann ziemlich nützlich sein. Denn dann können sie nämlich auch dieses Interview lesen und ein Flugblatt gegen Notenterror und Dummheitserziehung schreiben.

    Können? Besser: könnten sie! Denn dafür werden ihnen diese „Kulturtechniken“ ja gar nicht beigebracht. Es ist nämlich dem staatlichen Schulwesen weniger wichtig, dass der Heranwachsende sich selbst per Lektüre kundig machen und per Text seine abweichenden Auffassungen niederlegen kann. Wichtig ist erst einmal, dass und an welchem Stoff deutsch gelesen und geschrieben wird, dass also die Amtssprache beherrscht wird und deutsche Leitkultur eingetrichtert wird. Damit hat man schon wieder ein Stück „Heimat“, das dann im Auslandsurlaub genossen wird, wenn es heißt: „Hier spricht und kocht man deutsch!“

    Sehr schön! Und ansonsten muss man doch sagen, dass ich zwar die Sprache usw. ja schon in der Schule lerne, aber die Kritik, die ich hier formuliere, ist erst mal meine ganz eigene Leistung. Soweit kommt es noch, dass der Staat seine Sprache verbietet zu unterrichten, weil man mit den Sprachkenntnissen ja auch noch Unfug wie Kapitalismuskritik anstellen könnte. Leider könnte man dann aber auch nicht mehr das, was der Staat will.

  6. 6 xxl 18. Juni 2009 um 14:33 Uhr

    In der Sendung GegenStandpunkt – Kein Kommentar beim Freien Radio für Stuttgart ging es am 17.06.2009 auch um das Thema Bildungsstreik:

    1. Bildungsstreik 2009 (Kritik des Forderungskatalogs)
    2. „Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?“ (Thesen von Freerk Huisken)

  7. 7 Stefan 18. Juni 2009 um 20:16 Uhr

    Wem möchtest du denn erklären, was es mit dieser ganzen Scheiße auf sich hat? Den Studenten, Schülern, Lehrern und Professoren?

    Dein anarchistisch-marcusisches Bedürfnis, das revolutionäre Subjekt irgendwo in der ad hoc sich formierenden Bildungsstreikbewegung zu entdecken in allen Ehren, aber meinst du denn wirklich, diese hätte auch nur irgend ein Bedürfnis nach Erklärungen? Darum geht es denen doch gar nicht und das hast du ja auch richtigerweise kritisiert.

  8. 8 Administrator 19. Juni 2009 um 1:59 Uhr

    Dass die Leute keine Erklärungen, zumindest keine in meinem Sinne, über das Bildungssystem geliefert hatten, ist eine Sache. Das heißt aber nicht, dass sie deshalb gegen solche Erklärungen abgeneigt sein müssen. Ich hatte leider keine eigenen Flugblätter zu diesem Thema verteilt, aber da waren einige Schüler dabei, die vllt. zum ersten Mal auf einer Demo waren und auch interessiert waren, was da so für Flugis verteilt werden. Und wenn die sich so etwas durchlesen, dann können sie das entweder für Schwachsinn halten oder es liefert ihnen eben Erklärungen, die ihnen einleuchten. Wenn sie so einen Text ernst nehmen, müssten sie den Mangel ihrer Forderungen erkennen. Für ein paar Leute können Flugblätter mit solchen Inhalten eben schon mal Denkanstöße liefern. Warum auch nicht? Soll man die Agitation lieber einstellen?

    Und wo ich versuche ein rev. Subjekt zu entdecken, kannst du mir gerne mal erklären.

  9. 9 Neoprene 19. Juni 2009 um 7:20 Uhr

    Auch wenn die Frage „Wem möchtest du denn erklären, was es mit dieser ganzen Scheiße auf sich hat? Den Studenten, Schülern, Lehrern und Professoren?“ vielleicht nicht Ernst gemeint gewesen sein mag, so möchte ich doch ernsthaft antworten: Ja, wem denn sonst (außer Eltern und allen anderen Ex-Schülern).

    Daß es gerade jetzt wieder bei dem Streik nicht sonderlich viele zu „entdecken“ gab, die sich selber erstens als Revolutionäre verstehen (davon gibt es ja doch schon den oder die eine oder anderen) und wichtiger noch, Leute, die dies in einem kommunistischen Sinne auch wirklich sind, das weiß ich auch. Insofern stimmt es leider, daß die meisten jetzt aktiv Gewordenen genausowenig ein wirkliches „Bedürfnis nach Erklärungen“ an den Tag legen, wie die braven Schüler, die sich an den Bildungsstreikaktionen nicht beteiligt haben oder sie sogar ablehnen.

    Stefan sagt, „Darum geht es denen doch gar nicht“, ja, und solange das so bleibt, wird aus dem Remmidemmi eben auch nichts. Jedenfalls nichts vernünftiges. Sonst könnte man die ja in aller Seelenruhe rödeln lassen.

    Und ganz pessimistisch muß man in dieser Hinsicht auch nicht sein. Auch wenn ich selber in die Aktionen kaum interveniert habe, hatte ich auch persönlich schon das eine oder andere interessante Gespräch mit jungen Leuten, denen Grottian, Schlüsselburg, Redler und Co. nicht behagen.
    Deshalb wird natürlich „die Revolution“ noch lange nicht an den Schulen oder den Unis gemacht. Aber das erzählt denen ja auch kein vernünftiger Mensch.

  10. 10 Administrator 24. Juni 2009 um 13:56 Uhr

    Hier gibt es ein Radio-Interview mit Freerk Huisken zu den Bildungsstreiks.

  11. 11 Neoprene 18. November 2009 um 13:29 Uhr
  12. 12 Neoprene 18. November 2009 um 16:55 Uhr

    Aufzeichnung der Diskussionsveranstaltung mit Freerk Huisken am 16. November in Wien: Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm? Zu den fragwürdigen Leistungen des Schulsystems.

    Ausserdem ein Interview auf Radio Corax zum Bildungsstreik: Emanzipatorisch oder ein Einsatz für Konkurrenz?
    [Hinweis auf meinem Blog]

  1. 1 Mehr Bildung über Bildung! « And now for something completely different… Pingback am 25. Juni 2009 um 18:31 Uhr
  2. 2 Rotes Köln - Für eine solidarische Gesellschaft Trackback am 26. Juni 2009 um 0:01 Uhr
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