BILD lobt Studenten – und das ist nicht gut

bild.de:

Sind die Studenten von heute so radikal wie die 68er?
Nein. Damals gingen die Studenten auf die Straße, weil sie mit den politischen Verhältnissen im Allgemeinen unzufrieden waren – etwa mit der mangelnden Aufarbeitung des Nazi-Regimes. Die heutigen Proteste richten sich nicht gegen die Gesellschaft insgesamt. Die Forderungen der Studenten beschränken sich auf die Bildungspolitik.“

Und das ist schlecht. Nicht bloß schlecht, weil nicht gegen die Gesellschaft insgesamt, sondern weil man die absurde Trennung aufmacht zwischen Bildungspolitik und Finanzpolitik, Beschäftigungspolitik und der Politik bis zum Hindukusch. Nicht schlecht deshalb, weil man Mitleid mit den Leuten haben sollte, die an anderen Stellen den Schaden haben von dieser scheiß Politik, sondern weil tatsächlich so getan wird, dass – neben dem ganzen Scheiß, der anderswo läuft – es doch möglich wäre eine Politik zu machen, die ein besseres Bildungssystem hervorbringt an Schulen und Hochschulen, die den Bewohnern dieser „Lernfabriken“ ein angenehmeres Dasein ermöglicht. Die durchaus verständliche Unzufriedenheit mit den Bildungsreformen fragt sich gar nicht welcher Sorte Politik, die doch gerade ihr Interesse an einer solchen Herrichtung des Studiensystems hat, sich diese Unzufriedenheit verdankt.

Ein besseres Bildungssystem wäre möglich, da angeblich das Geld dafür da wäre. Wenn es aber so ist, dass das Geld zwar da ist, die Politik aber ganz andere Zwecke damit vorhat? Wenn doch die Politik gerade durch die Reformen verdeutlicht, dass es ihr Interesse ist an der Ressource Bildung zu sparen und versucht sie für ihre Zwecke zu effektivieren? Wenn sie lieber Banken rettet und Krieg führt – was ist dann? Dann hat offenbar die Bildung nicht so einen Stellenwert, wie es sich viele streikende Studierende denken. Schlimmer: Dann dient die Ressource Bildung vielleicht auch einem ganz anderen Zweck, wenn sie dem Staat zu teuer, zu uneffektiv ist und ihm das Studium insgesamt zu lange dauert. Dann hält er umgekehrt daran fest, dass sie eben billig und effektiv sein muss und dass Studenten ihre Leistungen in viel knapperer Zeit zu vollbringen haben. Wozu? Nicht damit die Studenten ein angenehmes Studium haben, sondern dass ihr Studium den „Qualitätsansprüchen der Bildungsrepublik Deutschland gerecht wird“ (Wortlaut der besetzenden Studierenden in Karlsruhe). Die Ressource Bildung soll für Deutschland ihren Beitrag für den Wettstreit in der internationalen Konkurrenz beitragen, die Nation und die Wirtschaft voranbringen. Und sonst nichts.

Diese Frage, was es eigentlich mit dem Scheiß auf sich hat, warum der Staat der „armen Bildung“ so etwas antut, wird seitens der meisten Studierenden – leider – nicht gestellt. Solche Positionen – egal wie gut oder wie schlecht begründet –, die ein bisschen über das Bildungsthema hinausgehen, den Anspruch haben Zusammenhänge zu erklären, sind in den besetzten Hörsälen in Karlsruhe unerwünscht. Sie werden rausgeekelt.

Das ist nicht gut. Weil die Forderungen, die in den Hörsälen an den Tafeln stehen, den Studenten das Leben nicht einfacher macht. Das ist ihr Pech. Denn sie erfahren gerade, was es heißt die Rolle der „Ressource Bildung“ zu spielen.


10 Antworten auf “BILD lobt Studenten – und das ist nicht gut”


  1. 1 derrick 23. November 2009 um 0:58 Uhr

    die armen studenten! stellen ja nur die falschen fragen! da solltest du gsp fan aber wissen, dass es nicht um das fragestellen geht, sondern darum den gegenstand zu analysieren, also zu kritisieren. wenn die studenten den bestehenden zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen verhältnissen und dem universitären bildungssystem erkennen, dann geht das eben nur über eine kritik der gesellschaft und vor allen dingen: dann affirmieren sich die leute nicht mehr in ihrer bescheuerten rolle als studenten, sondern als potentielle arbeitskraftbehälter der ausbeutung.
    und bei den missständen im bildungssystem geht deine analyse ja genau mit der, der studenten mit. als ob es irgendwelche unanehmlichkeiten gebe, die nicht aus der welt geschafft werden, weil das geld nur falsch eingesetzt wird und über diese schlechte einsetzung (z.b. in kriege) daraus eine gesellschaftskritik folgen würde. geld ist solange da, wie es kapitalismus gibt. die sich verschärfenden unanehmlichkeiten gibt es, weil die uni rationalisiert wird, damit es schneller arbeitskräfte gibt, die zu lange an der uni herumhängen. die studenten argumentieren vom selben standpunkt aus, weil sie bessere bildung haben wollen, damit sie bessere arbeitskräfte sind. und sie finden das gut. that’s the problem.

  2. 2 Administrator 23. November 2009 um 20:38 Uhr

    Würden sie die richtigen Fragen stellen, dann ist damit ja auch nicht gesagt, dass dabei die richtigen Antworten von ihnen herauskommen. Der Text hat übrigens auch einen ganz anderen Gegenstand; es geht hier nicht darum das Bildungssystem zu erklären. Dazu gab es in dem besetzten Hörsaal einen Workshop. Der Text kritisiert mehr, dass seitens der besetzenden Studenten, die ich erlebt hatte, gerade solche „Grundsatzkritiken“ ausgeschlossen wurden. Man wollte nur „Bildungspolitik“ machen und Linke möglichst draußen haben.

    Dass meine Kritik ähnlich sei wie die der Studenten, ist auch erfunden. Mir ist nicht aufgefallen, dass irgendjemand gesagt hätte, dass Geld eben nicht für Bildung da ist, sondern für andere Zwecke. Vllt. habe ich mich auch etwas misverständlich ausgedrückt: Die Studis wollen an der Tatsache, dass der Staat für alles mögliche Geld ausgibt, behaupten, dass das Geld doch da wäre und man statt es für Banken auszugeben, für Bidlung ausgeben könne. Sie begreifen sich ja auch als die Ressource Bildung, in die man investieren müsse, weil von ihr die Zukunft abhängt. Da übersehen sie aber eben, dass der Staat auch seine Rechnung macht und gerade deshalb diese Ressource besser effektivieren will. Die Studis machen sich als alternative Ressourcenverwalter auf (mit ihren blöden Argumenten), aber ich habe da nirgends dafür argumentiert, dass man das Geld doch auch besser einsetzen sollte. Geld soll eben so eingesetzt werden, dass es effektiv ist. „Geld ist solange da, wie es kapitalismus gibt“ – der Satz verrät eben auch nicht viel.
    Ihnen muss einfach daran wie der Staat die Bildung effektiviert klar werden, für welche Rolle sie vorgesehen sind. Dass sie bessere Arbeitskräfte sein wollen und sie das gut finden, stimmt. Das merkt man an deren Sätzen: „Wir fordern ein Studiensystem, das den Qualitätsansprüchen der Bildungsrepublik Deutschland gerecht wird.“ Und klar ist, dass sie sich mit solchen Forderungen nichts gutes tun, weil sie ja gerade darin wieder als das Mittel vorgesehen sind das fremden Ansprüchen sich dienstbar zu machen hat.

  3. 3 derrick 24. November 2009 um 0:58 Uhr

    „Der Text kritisiert mehr, dass seitens der besetzenden Studenten, die ich erlebt hatte, gerade solche „Grundsatzkritiken“ ausgeschlossen wurden. Man wollte nur „Bildungspolitik“ machen und Linke möglichst draußen haben.“

    kein wunder, solange sich leute als studenten, also als kommende führungsklasse begreifen, kann ihr gegenstand auch nur die bedingungen des studiums sein und keine gesellschaftskritik. genau das ist das problem und sollte auch gegenstand kommunistischer kritik sein und nicht der ausschluss von radikaler kritik, der nun nicht gerade unerwartet ist. was das mit „links“ sein zu tun hat, ist mir allerdings schleierhaft. als ob nicht gerade die linken studis den müll produzieren.

    „Mir ist nicht aufgefallen, dass irgendjemand gesagt hätte, dass Geld eben nicht für Bildung da ist, sondern für andere Zwecke. Vllt. habe ich mich auch etwas misverständlich ausgedrückt: Die Studis wollen an der Tatsache, dass der Staat für alles mögliche Geld ausgibt, behaupten, dass das Geld doch da wäre und man statt es für Banken auszugeben, für Bidlung ausgeben könne.“

    widerspruch.

    „Sie begreifen sich ja auch als die Ressource Bildung, in die man investieren müsse, weil von ihr die Zukunft abhängt. Da übersehen sie aber eben, dass der Staat auch seine Rechnung macht und gerade deshalb diese Ressource besser effektivieren will.“

    ist auch folgerichtig, weil da gleiches recht gegen gleiches recht steht. deshalb kann auch die bild-zeitung die studies loben. das hat nichts mit falschen argumenten zu tun, sondern weil sie einfach nicht den gegenstand von kommunistischer kritik haben, wie du ja auch schon festgestellt hast.
    dass der staat seine rechnung macht wissen die ganz genau, sonst würden sie ja nicht protestieren. nur wollen sie eben, dass der staat bessere bedingungen herstellt, damit sie eine bessere ausbildung erhalten, damit sie besser qualifiziert sind etc. und nicht damit sie mehr frei haben um marx zu lesen.

    „…aber ich habe da nirgends dafür argumentiert, dass man das Geld doch auch besser einsetzen sollte. Geld soll eben so eingesetzt werden, dass es effektiv ist.“

    habe ich auch nicht behauptet, dass du so argumentierst. du hast aber gesagt, dass die studenten, anhand des einsatzes von geld für offensichtlich schädliche sachen erkenen könnten, dass der einsatz für die bildung nicht für das wohl der studenten, sondern nur für das wohl der nation erfolgt. das es deshalb zur erkenntnis kommen könnte, ist unsinn. also ob sich die studis nicht gerade mit ihrer nation von vorn herein identifizieren. genau da hätte kritik anzusetzen.

    „Ihnen muss einfach daran wie der Staat die Bildung effektiviert klar werden, für welche Rolle sie vorgesehen sind. Dass sie bessere Arbeitskräfte sein wollen und sie das gut finden, stimmt.“

    widerspruch die zweite. wie und selbst warum der staat das macht, wissen die ganz genau. dass müssen sie ja auch wissen, um für eine bessere qualifikation als arbeitskraft zu kämpfen und eine andere politik zu fordern. diese affirmation wäre anzugreifen, anstatt laufend zu versuchen den reaktionären brücken zu bauen, die nur einbrechen können.

  4. 4 kritikdersoziologie 04. Dezember 2009 um 4:46 Uhr

    „also ob sich die studis nicht gerade mit ihrer nation von vorn herein identifizieren“

    Kann ich echt nicht so ganz beurteilen, da dass ja ne ziemlich bunte Mischpoke ist, die inhaltlich zwar eint, dass sie gerade mit ihrer Funktion im Staatswesen mehr Anerkennung haben wollen und ausgreifendere Betreuung finanzieller Art, andererseits resultiert bei vielen der Ansprechpartner Staat aus sehr sachgerecht daraus, dass es der einzige Ansprechpartner ist.

    Das sind keine Theoretiker dessen was sie da tun, die meisten haben noch nicht einmal einen Begriff von dem, was sie da tun. Insofern halte ich es für ziemlich sinnvoll die mal bei ihrem revolutionären Gestus zu packen und sie damit zu konfrontieren, ob das was sie tatsächlich ausdrücken auch das ist was sie ausdrücken wollen.

    Dder Idealismus von denen, was Bildung seien sollte, muss denen doch damit ausgetrieben werden, was Bildung ist und warum das auch nicht reformierbar ist.

  5. 5 phil 05. Dezember 2009 um 21:40 Uhr

    Ich war auch mal in einem der Hörsäle, wo dieser Text aushängt, und ich muss dir leider zustimmen.
    Meine Mitkomilitonen/innen wollen nur Kritik an der Bildungspolitik äussern und anderen politischen bereichen ganz bewusst kein Forum bieten.
    Sie wollen nicht dass ihre Forderungen durch andere Themen an den Rand gedrängt werden, oder dass sie aufgrund von Forderungen zu anderen Themen ihre Kernforderungen nicht durchsetzen können.
    Ausserdem gibt es zu anderen Themen verschiedene Meinungen, und kommt man nicht auf einen gemeinsamen Nenner zersplittert der ganze Protest vielleicht und wird wirkungslos.
    Das ist zumindest mal der Eindruck den ich gewonnen habe.

    Das ist im Grunde nachvollziehbar, aber ein bischen Kurtzsichtig.
    Mal angenommen sie bekommen die Aufmerksamkeit die sie wollen.
    Dann ist es doch egoistisch sich nicht auch noch für andere, sondern nur für sich selbst einzusetzen.

    Abgesehen davon, dass es dazu nicht kommen wird, solange die Studenten sich in besetzten Hörsälen verkriechen und den Rest der Bevölkerung von ihren Forderungen ausschließen.

    Generell haben wir doch in deutschland das Problem, die einen demonstrieren gegen Studiengebühren und Bachelor, die anderen gegen Hartz4 und noch andere gegen Krieg in Afgahnistan.
    Das wird so nie zum Erfolg führen, solange sich niemand über die „Ursache“ dieser Probleme Gedanken macht.

  6. 6 Administrator 05. Dezember 2009 um 23:55 Uhr

    Das mit der Ursache geällt mir schon eher. Meine Kritik war nicht, dass sie sich nicht für andere Leute einsetzen, sondern dass sie sich idealistisch zu den stattfindenden Bildungsreformen verhalten. Sie finden es kritikabel wie mit Bildung hier umgegangen wird, halten an irgendeinem Bildungsideal fest, die frei und kritisch sein müsste, wogegen der Staat mit seinen Reformen gerade verstößt. Einerseits. Dabei sehen sie gerade davon ab, welche Rolle Bildung hierzulande spielt – Bildung als Ressource des Kapitals, und sonst nichts. Andererseits kennen sie auch die Argumente der Politik, wenn sie durch solche Reformen Bildung effektivieren will. Da stellen sie irgendwelche Rechnungen an und wollen zeigen, dass dies gerade nicht effektiv ist. Bildung ist wichtig für die Zukunft und so. Wenn man in die gescheit investiert, wird es auch wieder ein lohnendes Geschäft und dann braucht es auch keine Studiengebühren mehr. So argumentieren sie. Dass aber Bildung allein für die Zwecke von Staat und Wirtschaft vorgesehen sind und dass man selbst nur Mittel darin ist, ist eben das was man kritisieren sollte und nicht versuchen sie moralisch für Mitleid an anderen Geschädigten zu gewinnen.

  7. 7 phil 14. Dezember 2009 um 10:24 Uhr

    noch ne info am rande:
    die Regierung will den Bachelor zu einem berufsqualifizierenden Abschluss erheben, damit der Master dann hinterher nur noch eine „Weiterbilding“ ist, und Weiterbildingen muss der Staat nicht zahlen.
    Es läuf darauf hinaus, dass im Master die Studiengabühren erheblich höher werden als die bestehenden 500 €.
    Das ist bahnt sich zumindest mal mittelfristig so an.

  8. 8 phil 14. Dezember 2009 um 10:31 Uhr

    im übrigen stimme ich dir vollkommen zu.
    die studenten argumentieren im prinzip nicht mit idealen, sondern nach kalkühl.
    das ist schon egoistisch, denn es geht hier offenbar nur um den eigenen vorteil, Gerechtigkeit und Freiheit sind nur nebeneffekte.

  9. 9 Neoprene 14. Dezember 2009 um 12:01 Uhr

    Zum Thema Egoismus versus „Gerechtigkeit“ und „Freiheit“ ist recht interessant der Mitschnitt einer Bildungsstreikveranstaltung aus Innsbruck mit einer führenden Studentenvertreterin und Freerk Huisken auf dem Podium und reichlich typischen Studenten bei den Diskutanten:
    http://www.podcast.de/episode/1413378/SOWIMAX_-_Diskussion:_%C3%96H-Bundesvorsitzende_Mauerer_und_Freerk_Huisken_Uni_Dresden

  1. 1 Bildungsstreik…und weiter? « Antinationale Assoziation Main-Spessart. Pingback am 02. Dezember 2009 um 20:17 Uhr
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