Archiv für Oktober 2011

Thesen zu Brecht

1.

Brechts Theater hatte den Anspruch Menschen zum kritischen Denken anzuregen, indem er den Zuschauer dazu zwingt das Schauspiel distanziert zu betrachten, statt sich in die Rollen der Schauspieler hineinzuversetzen. Statt Gefühle zu erwecken, sollte das Theater Entscheidungen erzwingen. Die Distanz wollte er dadurch erzeugen, indem er mit einem „Verfremdungs-Effekt“ dem Zuschauer eine ihm bisher nicht bekannte Welt gegenübersetzt und so es schwer fällt das Theater mitzuerleben, weil der handelnde Mensch und die Gesellschaft ihm nicht bekannt vor kommt, so also das sich in die Person hineinversetzen misslingt und der Mensch und sein Handeln selbst zum Gegenstand der Untersuchung wird. Zwar soll diese fiktive Welt Parallelen zu der Welt, in der man lebt, aufmachen, aber durch gewisse Verzerrungen mittels Musik, Bühnenbild, Sprüngen usw. wieder die Distanz erzeugen, die die Analyse des Handelns möglich macht.

Das Epische Theater von Brecht ist entgegen der Katharsis des Theaters von Aristoteles entwickelt. Im Drama dient das Schauspiel der Unterhaltung und der Kompensation, indem man mit dem Spiel mitfühlt und dadurch seine Seele reinigt. Das Wecken der Gefühle verhindert den Verstand, die distanzierte Betrachtung, um das Geschehnis zu analysieren und seine Schlüsse daraus zu ziehen.

2.

Die Sache mit der Erzwingung einer distanzierten Betrachtung gesellschaftlichen Handelns hat ihre Berechtigung. Die Gefühlsebene oder die Reflexion auf sich immer nur in Form einer unmittelbar subjektiven Betroffenheit, ermöglicht kein rationelles Urteilen und auch keine neuen Erkenntnisse. Die Gefühlsebene bringt nur die zur Gewohnheit gewordenen Urteile hervor, die naturgemäß und unabänderlich erscheinen. Die subjektive Betroffenheit behandelt jedes Ärgernis dem Begriff nach immer nur als subjektive Wirkung auf sich; sie geht nicht dem Grund nach, dessen Kenntnis Grundlage seiner Beseitigung ist, kümmert sich also nicht um die Beschaffenheit des gesellschaftlichen Verhältnisses, sondern nimmt es als störende naturhafte Begleiterscheinung mit der es in welcher Form auch immer zurechtzukommen gilt. Deshalb interessiert sich niemand für das, was Marxisten zu sagen haben, wenn sie sich nicht die theoretische Distanz zu ihrer Lage leisten, um über diese getrennt vom praktischen Zurechtkommen mit ihr, zu dem man genötigt ist, nachdenken zu können. Die unmittelbare Betroffenheit, die keine Reflexion auf sie außer diese selbst zulässt, interessiert sich nur für das bessere Zurechtkommen auf Grundlage der Verhältnisse, die ihnen ihr Zurechtkommen immer als zusätzliche Leistung aufzwingt, weil sie immer ein Angriff auf die Reproduktion sind. So interessiert nur das Gelingen besserer Reproduktion mit den vorgefundenen Mitteln, auf die man verpflichtet ist, welche die Reproduktion aber immer zugleich beschränken und vom Leben nichts als diese übrig lassen.

Voraussetzung einer Agitation ist also, dass eine Distanz gelingt. Die Agitation hat aber immer die Lebenslage zum Gegenstand, die Grund der Kritik ist. Es muss also auch klar sein, warum man von jemandem diese Distanz verlangt: nämlich damit er sich Klarheit über genau diese Lage verschaffen kann, in der er steckt. Man muss die Leute also auch auf genau diese Lage ansprechen.

Brecht wollte diese Distanz über das Theater erzeugen – und vergisst, dass sich der Zuschauer im Hineintreten ins Theater schon von seiner Lage getrennt hat: sie gerät in Vergessenheit, weil sie in Vergessenheit geraten soll. In das Theater geht man nicht, um sich belehren zu lassen, sondern um unterhalten zu werden. Man verspricht sich die Kompensation der Schäden, die man täglich erfährt. Subjektiv geht er also nicht in das Theater, um Erkenntnisse zu gewinnen, sondern des Genusses wegen, den man sich erkauft, setzt man sich in sein Idealmensch hinein. Diesen Prozess will Brecht aber aufbrechen und den Zuschauer verwirren, indem die Umstände verfremdet ihm ungewöhnlich vorkommen und das Hineinversetzen verunmöglicht wird. Die Fiktion ist für ihn etwas neues, zu der er noch kein Urteil, also auch kein Gefühl gefunden hat und ihn so zur Analyse der Handlung zwingt. Bezweckt wird ja aber gar nicht, dass ein rationelles Urteil über diese fiktive Gesellschaft gefällt wird, sondern eines über die real existierende. Der Reflex auf die eigene Lebenssituation muss also gelingen, worum sich in einem Epilog bemüht wird. Das Publikum wird zu Entscheidungen gezwungen, indem es direkt angesprochen wird. Die Entscheidung geschieht aber nur auf Grundlage der Darstellung. Es wird kein Schluss nahegelegt, sondern zu einem Schluss soll jeder für sich kommen. Brecht hat so also auch keine Kontrolle über sein Publikum, dass es auch die Schlüsse zieht, die er sich wünschen würde.1 Darin liegt nur seine Hoffnung. Es ist also auch nicht klar, ob die Leute die richtigen Dinge der Fiktion mit der Wirklichkeit in Verbindung bringen. Ein Wissen über die zu beseitigenden objektiven Schranken wird ohnehin nicht geliefert.

3.

Früher als noch klar war, an welches Publikum sein Theater adressiert ist, war der Reflex auf die eigene Lebenssituation noch naheliegend. Heute dagegen erscheint dem Zuschauer, der heute auch keine Klasse mehr zu sein scheint, sondern alle umfasst: insbesondere Bildungsbürgertum, das Theater insgesamt als eine Fiktion. Das Publikum heute ist ausschließend an der Unterhaltung interessiert oder eben an der Genialität Brechts, der das Theater revolutionierte. Über den Anspruch seines Theaters weiß man Bescheid, dieser Anspruch ist heute aber nicht mehr notwendig oder für sie in der heutigen Zeit überflüssig geworden. Arbeiter mit Ruß im Gesicht kennt man heute nicht mehr. Genau so wenig wie Leute, die nicht von ihrer Arbeit leben können oder Kapitalisten, die insbesondere durch ihren miesen Charakter2 auffallen. Das waren eben die Probleme der damaligen Zeit. So schrecklich wie damals ist es heute nicht mehr. Weiß man, denn das hat man gelernt. Das Theater heute reflektiert nicht den Bewusstseinsstand des modernen Bürgers3, provoziert und kritisiert ihn nicht. Er wird konfrontiert mit elenden Lebenszuständen, die er in dieser Form nicht (mehr) kennt. Er kennt nicht das Problem irgendeiner Klasse, sondern nur die seiner sich anhäufenden privaten Probleme, die er nicht für gesellschaftlich hält.4

Heute kann noch jeder Brecht hochleben lassen, weil man seine Kritik berechtigt findet – bezogen auf die Zeit, in der er lebte. Die Frage, was die Darstellung dessen, was das Theater zur Anschauung bringt, mit der eigenen Lebenssituation zu tun hat, stellt sich nicht, weil man mit dieser Frage nicht in das Theater geht. Die Agitation findet dort statt, wo die alltägliche Schädigung der Ausgangspunkt geäußerter Unzufriedenheit ist, auf die man die Leute ansprechen muss – und nicht dort, wo sie die Erfahrungen des Alltags vor dem Staatstheater in den Müll geworfen haben und bestrebt sind als höhere Person aus dem Theater zu treten.

  1. Überhaupt ist das der Widerspruch jeder Kunst, die zur Kritik anregen will. Statt durch einen Diskussionsprozess, bei welchem man auf Missverständnisse und falsche Schlüsse eingehen kann, soll durch eine künstlerische Darstellung von etwas die Kritik transportiert werden und überlässt dadurch die Schlüsse der Interpretationsfreiheit des Publikums. Zu welchem Schluss sie kommen, hängt allein von ihnen ab und die Form der „Agitation“ erlaubt so alle möglichen Schlüsse, auch solche, die nicht beabsichtigt vom Künstler sind. [zurück]
  2. Die falsche Darstellung der Kritik, die Brecht transportierte, findet sich in solchen Umschreibungen wieder, ist aber nicht Grund dieser bürgerlichen Kritik an ihm. Insofern sich aber seine Agitation mit solchen falschen Zuschreibungen schmückte, ist dies der Mangel an ihr, weil dem Zuschauer das, was er an manchen Stellen für das Schlimme im Kapitalismus hielt, heute wirklich fremd vorkommen muss oder sich eben auf Ausnahmen beschränken lässt. [zurück]
  3. Zu dem gehört auch die Moral, mit welcher die Massen sich im Kapitalismus einzurichten versuchen. Sie leben Tugenden, die Brecht für die lohnarbeitende Klasse nicht für realisierbar hielt. Seine Kritik an der Moral war, dass da von einem Proletarier unmögliches verlangt wird, aber im Eigentlichen gut ist: „Der Mensch wär gut anstatt so roh – doch die Verhältnisse sie sind nicht so.“ Das Reden von der scheiternden Moralität zu kritisieren, wäre ein Extra-Thema, welchem man sich widmen könnte. Hier geht es aber nur um Brechts Bemühungen über Kunst Agitation zu betreiben. [zurück]
  4. Dass sich die Arbeiterklasse in ihrem Bewusstsein heute noch ein wenig anders aufstellt als zu Brechts Zeiten, kann ihm in diesem Punkt nicht vorgeworfen werden. [zurück]

Recycling

Eigentlich war geplant hier nichts mehr zu bloggen, da dieses für mich zu viel Zeit in Anspruch nahm. Zwischenzeitlich kam die Idee auf, einen neuen kollektiven Blog mit anderen zu machen, bei welchem jeder gelegentlich mal einen Beitrag schreibt, der Blog aber nicht untergeht, weil nicht nur einer seine wenigen Beiträge schreibt, sondern mehrere ihre wenigen Beiträge, was in der Summe den Blog eher Aktualität verliehen hätte. Daraus wurde nichts. Dann kam mir die Idee auf, diesen Blog vielleicht für einen anderen Zweck zu gebrauchen. Verbreitet über Chats, Internetcommunities etc. kommt es doch mal irgendwo zu Diskussionen, in denen vernünftige Beiträge auftauchen und es nicht verdienen von anderen gelöscht zu werden, wegen nicht öffentlicher Profile nicht sichtbar zu sein oder allgemein wegen der Unbekanntheit mancher Foren nicht gefunden werden. Da ich manche Dinge immer mal wieder dokumentiere, dachte ich mir solche Ausschnitte aus Diskussionen öffentlich auf diesem Blog zu dokumentieren. Manche Artikel aus dieser neuen Kategorie „Entwürfe und Diskussionen“ sind auch Texte, die für irgendwelche anderen Dinge geschrieben worden sind und nicht veröffentlicht oder nicht fertig wurden. Um die Beiträge, woher sie auch stammen, für den Blog tauglich zu machen, der Leser voraussetzt, die den Zusammenhang der Diskussion nicht kennen oder das Nennen von Nicknames in Diskussionen für die Lese hier uninteressant ist, wurden diese in manchen Fällen überarbeitet.